Doppelt oder nichts: Die Kirche braucht radikalen Wandel, um Jugendliche wieder zu begeistern

Doppelt oder nichts: Die Kirche braucht radikalen Wandel, um Jugendliche wieder zu begeistern

Die Church of England plant, die Zahl an Jugendlichen in ihren Reihen innerhalb von zehn Jahren zu verdoppeln. Das ist ein ehrgeiziges Ziel. Insider Chris Curtis stellt in diesem Artikel die Frage: Ist die Kirche bereit, sich zu verändern, um es zu erreichen?

von Chris Curtis

Inhaltsverzeichnis

Ein ambitioniertes Ziel

Die Church of England, Englands Staatskirche, hat im Sommer ihre Vision für die nächsten zehn Jahre* vorgestellt, und eine der angepeilten Prioritäten ist die »Verdoppelung der Anzahl von Kindern und ›jungen aktiven Jüngern‹ in der Church of England bis 2030«. Das sind wirklich gute Neuigkeiten.

Zunächst spricht einmal eine große Konfession darüber, wie sie mehr junge Menschen erreichen kann, und schmiedet entsprechende Pläne. Die Bedeutung dieses ersten Schrittes darf nicht unterschätzt werden. Die erschreckenden Statistiken, die einen zunehmenden Rückgang und unverhältnismäßig negative Auswirkungen von COVID auf die Jugendarbeit im Vergleich zu anderen Bereichen des kirchlichen Lebens zeigen, stellen die Kirche vor die Herausforderung, Wege zu finden, junge Menschen wieder zu erreichen. Bei vielen Kirchen steht das jedoch nicht ganz oben auf der Tagesordnung. Bei einigen nicht einmal auf der Liste. Um das Beispiel des Klimawandels als Metapher zu gebrauchen: Die Kirche als Ganzes ist dort, wo das Problem vor einigen Jahrzehnten war…

Natürlich bleiben Einwände nicht aus

»Die Jugendgruppe meiner Kirche wächst, also ist bestimmt alles in Ordnung.«

»Das ist doch der natürliche Lauf der Dinge, die Leute kommen immer wieder zur Kirche zurück, wenn sie älter sind.«

»Laut einer Statistik interessieren Jugendliche sich sehr für den Glauben, also gibt es da kein Problem.«

Früher oder später wird die Zahl der Jugendlichen in der Kirche zwangsläufig so gering sein, dass die Veränderungs-Verweigerer größtenteils einlenken werden. Aber dann könnte es zu spät sein.

Wenn wir uns erst dann mit der Lösung des Problems befassen, werden die Herausforderungen viel tiefgreifender und schmerzhafter sein, als wir vermuten. Es geht nicht nur um ein paar Anpassungen bei der Gestaltung von Programmen in der Jugendarbeit. Ach, wenn es doch so einfach wäre! Unsere gesamte Vorstellung von Jugendarbeit muss sich wahrscheinlich verändern. Und das ist nur der Anfang.

Drei Herausforderungen beim Erreichen der Gen Z

Drei Herausforderungen werden dabei deutlich: Kontakt, Neugier und Glaubwürdigkeit.

Wer die Jugendarbeit in der Kirche ausbauen, geschweige denn innerhalb eines Jahrzehnts verdoppeln will, muss sich mit Teenagern treffen. Und das ist schwieriger, als du vielleicht denkst. Sie kommen nicht mehr in die Kirche, das wissen wir. Und sie werden auch nicht an der Tür auftauchen, wenn Flyer für eine neue Jugendgruppe in der Umgebung verteilt werden. Auch wenn diese Strategie den 80er-Jahren tatsächlich sehr gut funktioniert hat. 

Überleg dir, wo du die jungen Leute triffst, mit denen du arbeiten willst? Sie sind nicht mehr in großer Zahl an den Straßenecken anzutreffen. Sie sind zu Hause und unterhalten sich durch die sozialen Medien, während sie Online-Spiele spielen. Die Schulen sind weniger zugänglich und säkularisierter denn je – was nicht heißen soll, dass Arbeit an Schulen nicht wichtig ist! Aber die wenigsten weiterführenden Schulen werden sich heutzutage eine Veranstaltung mit einem christlichen Thema wünschen. Es ist wichtig, die Jugendlichen in bestehenden Gruppen zu ermutigen, ihre Freunde mitzubringen, aber die Zahl der Jugendlichen in den Kirchen ist gering! Im Durchschnitt sind es 5-7 Jugendliche. Das allein wird wahrscheinlich keinen großen Unterschied machen, und schon gar nicht, wenn deine Arbeit bei Null, ohne Jugendliche beginnt.

Also, liebe Kirche, wir stehen vor einer Herausforderung. Wie können wir junge Menschen in den nächsten zehn Jahren erreichen? Und wo? Diskutiert!

Wir sind nicht zum Scheitern verurteilt. Das Evangelium blüht in Zeiten der Krise und des Wandels auf. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie Kirchen auf junge Menschen zugehen und aus dem Nichts eine liebevolle, missionarische Jugendarbeit aufbauen. Es gibt Hoffnung.

Damit kommen wir zur Neugier – und damit meine ich den Mangel an Neugier, wenn es um den christlichen Glauben geht. Wie macht man Apologetik  für eine Generation, die keine Fragen stellt? Nicht, dass da nichts wäre, es ist nur tief vergraben. Junge Menschen sind nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, und natürlich gibt es in uns allen etwas, das sich nach dieser Verbindung sehnt. Aber die Verweltlichung des Alltags und der Kultur hat sie unter Schulabschlüssen, PS5, WhatsApp und »dem Leben« begraben.

Nun kommen wir zur größten Herausforderung, und das ist die Glaubwürdigkeit. Beziehungsweise ein Mangel davon. Die tektonischen Platten unseres Lebensstils im Westen verschieben sich. Etablierte Wege des Weltverständnisses wurden ausprobiert (Stichwort „Modernismus“) und für unzureichend befunden. Jugendliche schauen sich an, wie die Welt in den letzten hundert Jahren funktioniert hat, und fragen sich: „Was hat das gebracht?“. Bisher: eine Klimakrise, Terrorismus und Extremismus, gesellschaftliche Spaltung und eine kaputte Wirtschaft, die es vielen jungen Menschen schwer macht, jemals ein Haus zu besitzen. Und die Kirche? Nun, wir werden als Teil der alten Institutionen des Modernismus gesehen, die uns hier hingebracht haben. Kurz gesagt, wir sind die Bösen. Wenn man dann noch all die Missbrauchsskandale hinzufügt, die uns weiterhin beschämen, haben wir, um es vorsichtig auszudrücken, ein Glaubwürdigkeitsproblem bei der Generation Z.

Aber wir wissen beide, dass die Geschichte viel komplizierter ist als das. Ja, wir wissen, dass die Kirche stellenweise kaputt ist. Wir wissen aber auch, dass sie den Menschen in den schwierigsten Situationen dient und sie liebt. Aber Glaubwürdigkeit beruht darauf, was Menschen denken, und nicht unbedingt auf dem, was wirklich wahr ist.

Sind wir bereit für Veränderungen?

Zurück zu den Anglikanern und ihrer Priorität, junge Menschen zu erreichen. Es ist eine kühne und brillante Strategie, die von jeder Konfession und Kirche geteilt werden sollte. Der Blick auf die Herausforderungen soll nicht heißen, dass wir zum Scheitern verurteilt sind. Das sind wir nicht. Das Evangelium blüht in Zeiten der Krise und des Wandels auf. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie Kirchen auf junge Menschen zugehen und aus dem Nichts eine liebevolle, missionarische Jugendarbeit aufbauen. Es gibt Hoffnung. Wahrscheinlich bist du sogar im Vorteil, wenn du mit wenig oder gar nichts anfängst, weil du nicht erst kämpfen musst, um zu ändern, was du hast. Und während das Evangelium in der Veränderung aufblüht, ist die Kirche, nun ja, nicht ganz so gut darin.

Für die nächsten zehn Jahre sind also drei Dinge notwendig, wie ich meine. Das erste ist ein kühner und ehrgeiziger Plan dafür, junge Menschen zu begeistern. Die Church of England hat hier eine Vorreiterrolle übernommen. Das zweite ist die Bereitschaft, die Herausforderungen und das Ausmaß der notwendigen Veränderungen zu akzeptieren und zu verstehen. Das ist der nächste Schritt auf dem Weg. Und das Dritte? Gebet. Weil dies Gottes Werk ist. Du kannst sicher sein, dass er gerade jetzt im Leben von Millionen junger Menschen am Werk ist. Unsere Aufgabe ist es, herauszufinden, wo das geschieht, und dann hinzugehen und uns an Gottes Werk zu beteiligen. Wir müssen uns nur damit abfinden, dass es nicht mehr so aussehen wird wie unsere gegenwärtige Jugendarbeit.

Dieser Artikel wurde von Chris Curtis verfasst und zuerst von unseren Freunden bei youthscape.co.uk veröffentlicht, die die christliche Jugendarbeit in Großbritannien fördern. Deutsche Version von Olivia Felber mit Esther Penner, Daniel Oesterle und Andy Fronius.

*Ich war 2020 an frühen Diskussionen und Planungen für die Strategie beteiligt.

Tags: 🕊️ Glaube, 😴 Gen Z, 🌍 Weltgeschehen

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