Offener Brief an Politik und Presse: Nehmt die Interessen Kinder und Jugendlicher wahr!

Wer die aktuelle Diskussion rund um Corona und Lockerung der Maßnahmen verfolgt, könnte den Eindruck bekommen: Kinder und Jugendliche werden entweder als Corona-Party-Feiernde und Virenschleudern oder als Schülerinnen gesehen.
Kinder und Jugendliche brauchen mehr denn je unseren Einsatz, um ihre Anliegen und Bedürfnisse zum Thema zu machen. Erhebst du mit uns deine Stimme?

Wir können etwas dagegen tun. Gemeinsam. Hier. Jetzt:

Wir haben die Petition »Offener Brief an Politik und Presse: Nehmt die Interessen Kinder und Jugendlicher wahr!« gestartet und möchten dich um deine Unterstützung bitten, indem du deine Unterschrift hinzufügst.

Unser Ziel ist es 100 Unterschriften zu erreichen. Wir brauchen deine Unterstützung.

Kinder und Jugendliche sind doof?!

Wer die aktuelle Diskussion rund um Corona und Lockerung der Maßnahmen verfolgt, könnte den Eindruck bekommen: Kinder und Jugendliche werden entweder als Corona-Party-Feiernde und Virenschleudern oder als Schülerinnen gesehen. 

Andere grundlegende Aspekte des Lebens von Kindern und Jugendlichen (Familie, Sozialkontakte, Peergroup etc.) scheinen absolut keine Rolle zu spielen. 

Auch der Bereich der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, des ehrenamtlichen Engagements ist bei allen Verordnungen zur Lockerung – wenn überhaupt – auf dem letzten Platz. 

Daran, dass Kinder und Jugendliche gefragt und beteiligt werden, wenn es um Bereiche geht, die sie betreffen, braucht man gar nicht erst zu denken. 

Das macht mich sehr betroffen und ärgert mich! 

Gerade die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen (also der Bereich, in dem du dich engagierst) gibt ihnen einen sicheren Rahmen und feste Bezugspersonen, um Ängste auszudrücken und zu verarbeiten, Unsicherheiten zu diskutieren und Hilfe zu bekommen. Und sich mit anderen über die Situation und das Leben auszutauschen. 

Wir wissen und leben: Kinder und Jugendliche sind weitaus mehr als nur Schüler. Sie haben ein Recht darauf, dass sie als ganze Person gesehen, geachtet und ernst genommen werden. 

Da dies augenscheinlich aber aktuell nicht geschieht, habe ich einen offenen Brief verfasst. An Politikerinnen und Redakteure. Damit sich viele Menschen, die über Jugendliche berichten oder über sie entscheiden, mit der Frage auseinandersetzen, was Kinder und Jugendliche wirklich brauchen. 

Aufruf: Wenn du mit dem Inhalt dieses Briefes übereinstimmen kannst, schicke ihn an einen Politiker aus deinem Umfeld (beispielsweise an lokale Bürgermeister und Landtags- oder Bundestagsabgeordnete) und an einen Redakteur einer lokalen Zeitung (oder die gesamte Redaktion). So kannst du die Stimme erheben für Kinder und Jugendliche in deiner Stadt/Region. Gemeinsam können wir damit wirklich etwas bewegen!

Ein offener Brief

Sehr geehrte(r) Frau/Herr …,

die Corona-Pandemie hält die Welt in Atem und bestimmt unseren Alltag seit Monaten. Ich bin froh und dankbar, dass sie sich engagieren und so mit vielen anderen dazu beitragen, dass wir in Deutschland, aber auch in der Welt als Ganzes, möglichst gut durch diese Krise kommen. Auch, dass aktuell immer mehr Lockerungen besprochen und beschlossen werden wobei parallel dazu eine Risikoabwägung stattfindet, freut mich sehr.

Gleichzeitig enttäuscht mich der Blick auf den Umgang mit Kindern und Jugendlichen in dieser Krise und auch in der Lockerungsdiskussion sehr. 

Wir erleben aktuell eine außerordentliche Marginalisierung von Kindern und Jugendlichen, die in der Debatte (wenn überhaupt) als Schlusslicht vorkommen. Aus mir nicht verständlichen Gründen werden Kinder- und Jugendliche scheinbar als nicht systemrelevant eingestuft, und dementsprechend behandelt. Während für Erwachsene viele Alltags- und Freizeitmöglichkeiten (Fitnessstudios, Bars, Cafés, Reisen) wieder erlaubt sind, werden Kinder und Jugendliche weiter stark aus dem öffentlichen Leben ausgegrenzt. 

So wird unter anderem das Thema der Sommerferien und eventuelle Verschiebung so diskutiert, als gäbe es nichts für die Kinder, wenn die Schule nicht da ist. Wie vielfältig das Angebot freier Träger hier ist und wie wichtig Sommerferien mit Ferienspielen, Freizeiten, Freunde treffen, und Raum für Langeweile für Kinder und Jugendliche sind und wie das ermöglicht werden könnte – Fehlanzeige in der Diskussion. 

Generell fällt auf, dass Jugendliche sowohl in den Medien, als auch in der Lockerungsdiskussion, nur als Schüler, sprich als »zu Qualifizierende« auftauchen. Sicher ist Schule wichtig. Aber sie ist nur ein Teil der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Die Reduzierung des Jugendalters auf eine Vorbereitungsphase für das eigentliche Leben, ist eine geradezu sträflich eingeengte Sicht, die wesentliche Aspekte außer Acht lässt. Genau das nehmen Jugendliche wahr und fühlen sich missverstanden.

Auch scheinen Erwachsene laut einer Befragung zu denken, dass sie viel schwerer unter den Folgen der Krise zu leiden hätten, als Kinder und Jugendliche (die ja Corona-Ferien hätten – das sei doch toll). Das offenbart leider ebenfalls eine Sicht auf Kindheit und Jugend, die die Realität nicht beachtet. Viele Themen finden dabei wenig Resonanz, wie etwa die Fragen wie geht es

  • Jugendlichen im Übergang zwischen Schulformen, zu Ausbildung und Studium,
  • Jugendlichen die in Wohngruppen oder allein leben,
  • Studierenden, die wieder zu ihren Eltern ziehen mussten,
  • Geldnot wegen fehlender Nebenjobmöglichkeiten,
  • drohender Jugendarbeitslosigkeit
  • und nicht mehr vorhandenen Möglichkeiten sich mit Gleichaltrigen zu treffen.

Auch die Unsicherheit von Jugendlichen, wie es mit den Angeboten der Arbeit für Kinder und Jugendliche weitergehen wird, die für viele Halt, Anker und starker Bezugspunkt sind, ist dann kein Thema. (Damit wird gleichzeitig ehrenamtliches Engagement klein gemacht, denn in fast allen Lockerungsverodnungen sind Treffen Jugendlicher ausschließlich mit einer hauptberuflichen Fachkraft möglich.)

Statt Kinder und Jugendliche in der Diskussion ernst zu nehmen, mit einzubeziehen und mit ihnen gemeinsam Konzepte für funktioniere Schule und Alltag außerhalb der Schule zu erdenken, werden Kinder und Jugendliche oft als Virenschleudern oder Corona-Party-Feiernde verunglimpft.

Kinder und Jugendliche in prekären Lebenslagen oder mit Behinderung sind aktuell kaum mitbedacht. Von Teilhabe und einem Leben in Würde kann man da vielerorts leider nicht mehr Ansatzweise sprechen. 

Wenn es stimmt, dass sich in der Krise zeigt, was uns wirklich wichtig ist, dann sieht es bedauerlicherweise so aus, als wären Beteiligung, Partizipation und Inklusion, sowie die echte Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen bei uns unwichtig. Vielleicht zeigt die Krise da aber auch nur ein bereits existierendes Problem deutlicher. Beispielsweise bereits bei Fridays for Future wurde Jugendlichen keine Expertise oder lautere Motive zugesprochen. 

Wir als Mitarbeitende in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen engagieren uns leidenschaftlich für »unsere« Kinder- und Jugendlichen. Die aktuellen Verordnungen erschweren es uns unverhältnismäßig, für sie da zu sein und gemeinsam mit ihnen diese Pandemie zu durchleben und meistern zu können. 

Deswegen bitte ich sie, leisten sie einen Beitrag dafür, dass junge Menschen erleben: Wir sind genauso wichtig, wie etwa »die Lufthansa!« Überlegen und arbeiten Sie bitte mit uns daran, 

  • wie Kinder und Jugendliche mit ihrer Lebenswelt wahr- und ernst genommen werden können, 
  • wie sie gefragt und beteiligt werden können,
  • wie sich jugenddiskriminierende Aussprüche verhindern lassen und Kinder und Jugendliche im stattdessen Würdigung erfahren,
  • wie ehrenamtliches Engagement und die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen neu und ihrem Wert entsprechend in öffentlichen Entscheidungen einbezogen wird.

Ich lade Sie ein: Gehen Sie als Vertreter unseres Systems auf die jungen Menschen zu. Hören Sie zu und machen Sie sich zum Vertreter junger Menschen und ihrer Anliegen.

Vielen Dank!

Erstunterzeichner:

Heiko Metz, Marburg

Noch mehr Ideen

Was kannst du noch tun, um die Perspektive von Kindern und Jugendlichen in dieser Krise deutlich und sichtbar zu machen? 

  • Äußerungen von Jugendlichen mittels Hashtag #offenerbriefjugendarbeit sammeln (Warum soll meine Gruppe wieder öffnen? Meine Ideen zur Schulöffnung. Und, ich brauche Sommerferien für »Name des Projekts«). Teilt diese Statements auf Social Media, druckt sie aus und hängt sie überall in der Stadt auf, oder übergebt sie der Bürgermeisterin in einem Schnellhefter (und  vergesst nicht die Presse dazu einzuladen). 
  • Kinder und Jugendliche Ideen, Anliegen, Anfragen an Politik und Presse schicken lassen und diese per Beamer an eine Hauswand an einer belebten Straße projizieren. Auch hier sollte die Presse nicht fehlen.
  • Bei der aej findest du weitere Informationen, Ideen und Material etc.

Wenn du noch weitere Ideen für solche Aktionen hast, schreib sie uns gern als Kommentar zu diesem Beitrag.

Wenn du den offenen Brief nutzt und eine Antwort bekommst, teile sie ebenfalls mit der Community in den Kommentaren.

Wenn du diesen offenen Brief einfach nur »mitunterzeichnen« willst, schreib uns deinen Namen und deine Stadt in die Kommentare, dann nehmen wir dich als Unterzeichner mit auf. 

Gemeinsam können wir Kindern und Jugendlichen die Stimme in unserem Land geben, die sie verdienen!

— Dein Heiko 

Foto von Josh Barwick auf Unsplash

  18. Juni 2020   Jugendarbeit

Heiko war Jugendpastor, Landesreferent für die Arbeit mit Kindern und hat eine Kinderfreizeiteinrichtung für benachteiligte Kinder in einer deutschen Großstadt geleitet. Er engagiert sich bei Compassion als Gemeindereferent und ist Lehrbeauftragte...

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