TikTok-Trauma: Suizid im Livestream und die Macht der Neugier

TikTok-Trauma: Suizid im Livestream und die Macht der Neugier

Dieser Artikel wurde von Rachel Gardner verfasst und zuerst von unseren Freunden bei youthscape.co.uk veröffentlicht, die die christliche Jugendarbeit in Großbritannien fördern. Deutsche Version von Daniel Oesterle und Olivia Felber. Lektorat von Mareike Siebeneich.

Wenn ich dir sagen würde, »Denk jetzt nicht an einen rosa Elefanten«, was würdest du tun?

Genau.

Oder was wenn jemand ruft, »Nicht umdrehen!«. 

Wo würdest du hinschauen? Natürlich hinter dich.

Instinktiv würde dein »Kampf-oder-Fluchtreflex« (Fight or Flight) sofort einsetzen. Und gleichzeitig setzt noch ein weiterer, grundlegender Reflex ein: deine Neugier. »Welche Sache ist so schlimm, dass ich mich nicht umdrehen und sie anschauen kann?«

Ich habe mal eine Jugendstunde zum Thema Sex gehalten. I sagte den Jugendlichen, dass vieles von dem, was sie über Sex hören, nicht wahr oder zumindest nicht hilfreich ist.

»Was zum Beispiel?«, fragte mich einer der Jugendlichen.

Während ich also einige der Mythen über Sex, die von Pornoseiten oder durch manche Musikvideos verbreitet werden, sahen mich 11 neugierig aufgesperrte Augenpaare an. Bei meinem Versuch, falsche Informationen zu korrigieren, hatte ich ihnen diese überhaupt erst gegeben. Genauer gesagt unabsichtlich auf neue Orte hingewiesen, wo sie selbst Fehlinformationen finden können!

Wir wissen, dass junge Menschen den Drang haben, das Unbekannte zu erkunden – und generell unvorsichtiger sind in ihrer Neugierde – weshalb Warnungen auch nicht immer funktionieren. Wenn ich meiner Jugendgruppe auf einer Freizeit erzähle, dass sie nachts auf keinen Fall ihre Schlafsäle verlassen sollten, weil der Korridor zwischen dem Jungs- und dem Mädchenschlafsaal von einem Rudel Killer-Dachse bewacht wird, sorgt das höchstwahrscheinlich dafür, dass sie die ganze Nacht wach bleiben, um sich den wilden Bestien zu widersetzen und sich gegenseitig zu besuchen.

Damit will ich junge Menschen nicht verurteilen, ganz im Gegenteil. Ihr unstillbares Verlangen, Unbekanntes kennenzulernen und ihre Grenzen auszutesten, ist nicht nur ein potenziell destruktiver Teil des Erwachsenwerdens, es ist auch instruktiv. Wenn eine junge Person neugierig wird, befindet sich ihr Gehirn in einem Zustand, in dem sie Dinge einfacher verstehen und begreifen kann. Und ihr Wunsch, Grenzen auszutesten, bedeutet, dass sie wahrscheinlich mutiger mit ihrer neuen Entdeckung umgeht. Als Lara ihre Jugendleiterin leidenschaftlich darüber sprechen hörte, wie ungerecht es ist, dass manche Menschen leben und sterben ohne Jesus zu kennen, meldete sie sich direkt freiwillig für das Straßen-Outreach-Team ihrer Gemeinde. Mit 12 war sie nicht nur die jüngste Person im Team, sondern auch die mutigste.

Inhaltsverzeichnis

Mut & Neugier

Jungen Menschen zu helfen, mit ihrer Neugier umzugehen, ist ein wichtiger Teil der Erziehungs- und Begleitungsarbeit, zu der wir berufen sind. Es geht nicht darum, dass wir Kindern und Jugendlichen ihre Entscheidungen abnehmen (auch wenn es mir immer schwerer fällt, das zu akzeptieren, jetzt, wo meine Achtjährige langsam ins »Tweenager«-Alter kommt). Es geht darum, dass wir effektive Strategien finden, die ihnen helfen, positive Verhaltensweisen zu erlernen – und das in einer Welt, die ganz anders ist als die, in der wir aufgewachsen sind.

Konsequenzen unseres Handelns einzuschätzen und gute Entscheidungen durch rationales Denken zu treffen ist eine Fähigkeit des präfrontalen Cortex. Das ist ein Gehirnareal, dessen Entwicklung erst mit Mitte zwanzig abgeschlossen ist. Es ist kein Zufall, dass die Büchse der Pandora mit ihren schrecklichen Mächten in der Sage von einer jungen Erwachsenen geöffnet wird. Ihre Neugier bewegte sie dazu, sich über Grenzen hinwegzusetzen. Es nicht zu tun, hätte bedeutet, mit etwas Schlimmerem leben zu müssen als möglichen negativen Konsequenzen – nämlich mit einem ungelösten Rätsel.

»Es ist besser zu wissen, wie schlimm es ist, als gar nicht zu wissen, wie es ist. Ich wollte mich einfach selbst überzeugen.«

—Jeder Teenager

Und hier liegt der Knackpunkt.

Wie können wir jungen Menschen helfen, damit umzugehen, dass sie auf einer Social-Media-Plattform, die darauf ausgelegt ist, dass Nutzer möglichst lange weiterschauen, plötzlich traumatisierenden Content sehen? Wenn das Ziel von sozialen Medien ist, jungen Menschen dabei zu helfen, zu wissen, wer und was gerade »in« ist, was tut man dann, wenn das bedeutet, sich mit Dingen zu befassen, von denen ihnen gesagt wird, sie sollen es nicht tun. Wenn sie von anderen TikTok-Usern, »den Eingeweihten«, mit folgender Begründung gewarnt werden, sich bestimmte Dinge nicht anzusehen: »Wir haben sie gesehen, und sie sind schrecklich«, dann funktioniert das nicht. Denn es bedeutet ja, man verpasst etwas, über das alle anderen scheinbar Bescheid wissen.

Das ist schon unter den besten Umständen eine große Herausforderung für Eltern und Verantwortliche, und es ist besonders schwierig, wenn ein brutales Video die Runde macht.

Suizid im Livestream

Vor kurzem hatte TikTok große Schwierigkeiten damit, Videos von einem Mann zu entfernen, der an einem Schreibtisch sitzt und Selbstmord begeht, indem er sich selbst erschießt. Das Videomaterial, das mehrere Tage lang auf der Plattform kursierte, kam ursprünglich von Facebook und wurde auch auf Twitter und Instagram geteilt. TikTok sperrte Nutzerkonten, die den Clip wieder hochluden. Aber der übelste Teil des Videos wurde sogar herausgeschnitten und in anderen, unschuldiger anmutenden TikToks versteckt.

TikTok-User meldeten die Videos schnell und warnten andere, schnell weiter zu swipen, wenn ein Bild von einem Mann mit Bart an einem Schreibtisch auftaucht. Ich bin froh, dass diese Warnungen existieren. Die Zahl der versuchten und vollzogenen Selbstmorde bei westlichen Teenagern ist besorgniserregend hoch. Um die Rate der Jugendsuizide zu senken, empfehlen Forscher, Informationen über Suizidmethoden aus dem Internet zu entfernen und sicheres Verhalten im Internet zu fördern. Jungen Menschen beizustehen, die mit Selbstmordgedanken zu kämpfen haben, ist eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft. Es ist mir also äußerst wichtig, dass junge Leute auf die Warnungen hören und weiterswipen. Gerade diejenigen, die besonders durch die verheerende Wirkung von Bildern vom Suizid anderer gefährdet sind.

Aber ich bin mir nicht sicher, dass alle das auch tun. Und das liegt nicht nur daran, dass es Jugendlichen schwerer fällt, Risiken einzuschätzen. Es liegt auch an dem Medium, in dem sich all das abspielt. 

Es ist schwer, das Verhalten junger Menschen in positive Bahnen zu lenken, ohne über Grenzen zu sprechen. Zunächst müssen wir verstehen, wie unglaublich schwierig es für junge Menschen ist, vorsichtig auf Plattformen zu interagieren, die ihnen keine Grenzen setzen:

  • Wie hilft Instagram den Nutzern, ihre Scroll-Zeit zu verkürzen oder mit komplizierten Gefühlen von FOMO (der Angst, etwas zu verpassen) umzugehen?
  • Wie unterstützt Minecraft seine Benutzer dabei, ein besseres Online- / Offline-Gleichgewicht in ihrem Leben zu erreichen?
  • Internet-Technologie und insbesondere Social-Media-Apps wurden entwickelt, um Menschen an sich zu ziehen und ihre Aufmerksamkeit zu halten. Warum sollte man sich also nicht ansehen, was von allen anderen gesehen und kommentiert wird?

Alle jungen Leute, die ich nach diesem Video gefragt habe, hatten davon gehört, aber keiner von ihnen hatte es gesehen. Einer von ihnen äußerte sich sogar frustriert darüber, dass er es nicht sehen konnte, um andere davor zu warnen. Eine komplizierte Antwort, wenn man darüber nachdenkt.

Unternehmen wie TikTok haben die gigantische Verantwortung, illegale, schädliche, ausbeuterische Inhalte und drastische Bilder aus ihren Apps zu entfernen, da ihr ganzer Sinn darin besteht, dass man sich das anschaut, was sie bereitstellen.

Aber junge Menschen sind großen Unternehmen wie TikTok und anderen nicht hilflos ausgeliefert. Vorhandene Kontrollmechanismen zu nutzen, erhöht die Fähigkeit junger Menschen, ihre Entscheidungen selbst dann zu treffen, wenn sie Inhalte gezeigt bekommen, die sie sich nicht sehen sollen oder wollen. Konstruktive Diskussionen über die sichere Nutzung des Internets versetzen junge Menschen in die Lage, ihre Umwelt zu gestalten und eigene Entscheidungen zu treffen.

Was können wir also als Reaktion auf Videos wie diese tun?

1. Sich informieren

Als Jugendarbeiter müssen wir nicht alles über den neusten Klatsch und Tratsch wissen oder Experten für Traumatherapie sein. Aber es ist gut, eine gesunde Neugier für aktuelle Themen und ein solides Verständnis für unsere Schutzverantwortung zu entwickeln [Anmerkung der Redaktion: Dabei hilft dir auch unser Newsletter].

2. Sich melden

Wer sind diese jungen Menschen, die sich am ehesten von diesem Video und der ganzen Aufmerksamkeit, die ihm geschenkt wird, negativ beeinflussen lassen? Der Kinderpsychologe Dr. Eli Gardner sprach kürzlich in einem Youthscape-Podcast darüber, wie wichtig es ist, junge Menschen gut zu beobachten und einen sicheren, vertrauensvollen Raum zu schaffen, der es jungen Menschen, von denen wir wissen, dass sie Schwierigkeiten haben, ermöglicht, um Hilfe zu bitten.

»Melde dich bei jungen Leuten, von denen du glaubst, dass sie bereits Probleme haben. Hab keine Angst zu fragen: ›Denkst du an Selbstmord?‹ Diese Frage wird nicht oft genug gestellt und kann für junge Menschen, die darüber nachdenken, enorm Erleichternd sein. Das wird bei ihnen keine Gedanken an Selbstmord auslösen, wenn sie nicht bereits selbstmordgefährdet sind, sondern ihnen die Möglichkeit bieten etwas zu sagen, falls sie etwas planen. Und dann beginnt deine Schutzverantwortung.«

—Dr. Eli Gardner

Ich habe mich auch bei einigen älteren Jugendlichen in der Kirche erkundigt, was sie über das Video wissen und wie es sich ihrer Meinung nach auf junge Menschen auswirkt.

Eine der Herausforderungen im Moment ist, dass wir keinen regelmäßigen persönlichen Kontakt zu jungen Menschen haben, wo wir das Thema auf natürlichere Weise ansprechen könnten. Aber lass dich nicht davon abhalten, dich bei Teenagern zu melden, bei denen du Probleme vermutest. Ein Anruf oder eine Kurznachricht können viel bewirken.

3. Direkt informieren

Es ist wichtig, sich zu fragen, wer über Videos wie dieses informiert werden muss. Als Faustregel gilt für mich, dass es die Erwachsenen in unserer Kirche sind, die elterliche Verantwortung tragen und diejenigen, die mit jungen Menschen arbeiten. Eltern und Betreuer von jüngeren Jugendlichen können mit größerer Wahrscheinlichkeit in den nächsten 72 Stunden Grenzen für den Zugriff zum Beispiel auf TikTok festlegen, während der Clip entfernt wird. Eltern und Betreuer älterer Jugendlicher benötigen eine Vorwarnung, um nach Anzeichen erhöhter Anspannung bei ihren Jugendlichen zu suchen. Ausserdem müssen sie bereit sein, Fragen zu stellen und Ansprechpartner für junge Menschen zu sein, die das Video gesehen haben.

Die Mehrheit der Eltern möchte wahrscheinlich mit dir Kontakt halten, um ihre Kinder zu unterstützen. Einige werden von dir erwarten, dass du alles überwachst, oder sie werden kritisch gegenüber anderen Eltern sein, die es ihren Kindern erlauben, Smartphones usw. zu haben. Sei also weise, wie du mit Eltern kommunizierst. Ist eine Nachricht in Gruppenchats der beste Weg? Oder eine E-Mail? Oder ein Anruf?

4. Sanft informieren

Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, positive Botschaften zum Thema Sicherheit im Internet zu verstärken, und deinen Jugendlichen zu sagen, mit wem sie sprechen können, sollten sie etwas verstörendes oder verunsicherndes sehen. Sag zum Beispiel:

Wenn du jemals über etwas stolperst, das du nicht sehen möchtest, kannst du:

…wegswipen

… das Gerät weglegen

… es TikTok melden. Um ein Konto zu melden, geh zu dem betreffenden Profil, tippe auf das Einstellungssymbol und anschließend auf ›Melden‹.

…es jemandem erzählen, dem du vertraust

5. Bewusst Gemeinschaft schaffen 

Während des Lockdowns ist die kirchliche Jugendgruppe, in der ich ehrenamtlich mitarbeite, online gegangen. Bis zu diesem Zeitpunkt trafen wir uns nur wöchentlich und da wir eine junge Gemeinde waren (weniger als 5 Monate alt), waren unsere Beziehungen zu den jungen Menschen noch nicht gefestig. Wenn wir uns nicht sehen konnten, war die WhatsApp-Gruppe der Jugendlichen wie Dynamit, das ein starkes Gefühl der echten Gemeinschaft unter unseren jungen Leuten und den Leitern förderte. Es läuft immer noch gut (wir sind keine große Jugendgruppe) und ich habe gemerkt, dass es den jungen Menschen einen sicheren Rahmen bietet, während sie zurück in die Schule oder Hochschule müssen und die Herausforderungen des Lebens meistern. Mit guten Schutzmaßnahmen und Abläufen kann die Online-Arbeit mit jungen Menschen ein wirksames Mittel sein, um ein Gefühl tieferer Zugehörigkeit und Bestätigung in ihrem Leben zu entwickeln. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem sie am anfälligsten für den Schaden von Nicht-Dazugehören und Ablehnung sind.

6. Erzähle von deinem eigenen Weg

Empathie von jemandem, dem du vertraust und den du respektierst, ist mächtig. Sogar lebensverändernd. Letztes Jahr habe ich meinen Instagram-Account gelöscht, weil es in mir das dunkle Gefühl der Eifersucht angeregt hat. Ich verbrachte einen miserablen verregneten Sommer in England damit, gegen die herrlichen Sonnenerlebnisse meiner Freunde im Süden zu wettern! Mir wurde schnell klar, dass Eifersucht ein Brunnen ist, der nie versiegt, also musste ich positive Maßnahmen ergreifen, um damit umzugehen. Als ich bei Instagram »ausstieg«, waren die jungen Leute vor Ort fasziniert. Ein Mädchen, das ich begleite, fühlte sich bestärkt, dassselbe zu versuchen. Ich denke oft, wenn man jungen Menschen sagt, dass sie aus den sozialen Medien aussteigen können, wenn sie durch sie verletzt werden, ist das so, als würde man ihnen sagen, dass sie ihr Bein entfernen können, wenn ihre Schuhe drücken – es wird einfach nicht als realistische Option akzeptiert. Aber jemanden zu haben, der einen weisen Rhytmus des Lebens und der Selbstfürsorge verfolgt, kann verändernd sein. Will Van Der Hart (Pastor und Autor aus London) spricht darüber, wie wir alle die Fähigkeit haben, unsere Selbstdisziplin »freizuschalten«. Also, lasst uns mit gutem Beispiel voran gehen.

7. Weiter denken

Neugier ist ein guter, natürlicher Teil des Erwachsenwerdens, aber er muss ausgeglichen werden. Unsere Aufgabe ist es, jungen Menschen dabei zu helfen, Widerstandsfähigkeit gegenüber der neuen Norm der FOMO-Kultur (Fear of missing out = Angst etwas zu verpassen) aufzubauen. Die christliche Non-Profit Organisation für psychische Gesundheit ThinkTwice ist hierfür eine hervorragende Quelle. Alumina ist ein Unterstützungsdienst für 14- bis 19-Jährige, die mit Selbstverletzung kämpfen. Eine weitere Ressource ist die neue Plattform von Youthscape, auf der es um seelische Gesundheit geht: Headstrong. Es ist eine Website für junge Menschen, die ihnen hilft, ihre geistige Gesundheit und ihr emotionales Wohlbefinden zu entwickeln, ihre eigenen Fragen zu stellen und von den Geschichten anderer zu lernen. 

Tipps aus der Community: Moodgym hilft dabei ungesunde Denkmuster im Zusammenhang mit Depression zu erkennen. Menschen mit Suizidgedanken können sich jederzeit anonym an die Telefonseelsorge wenden. Wir freuen uns, deine Tipps und Erfahrungen zu dem Thema zu hören. Wie setzt du dich für Jugendliche ein? Teile deine Erfahrungen in unserer Facebook-Gruppe für Jugendleiter.

Foto von Olivier Bergeron auf Unsplash

Schlagwörter: 🍃 Mental Health, 👋 Social Media

Mehr ähnliche Beiträge

Beliebte Beiträge
Menü
WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner